Abenteuertour durch das wilde Velebit

Am frühen Morgen wurden wir unsanft  aus unseren Träumen gerissen. Kräftige Windböen zerrten an den Fensterläden unseres Hotelzimmers in Karlobag. Ein Blick aus dem Fenster zeigte einen wolkenverhangenen Himmel und ein aufgewühltes Meer. Zudem fing es gerade auch noch an zu regnen. Gott sei Dank war dann nach ein paar Minuten dieser Regenspuk  auch schon wieder vorbei. Trotzdem herrschte irgendwie gedämpfte Stimmung im Raum. Einerseits freuten wir uns auf unsere bevorstehende Offroadtour ins wilde Velebit und andererseits dachten wir wehmütig daran, dass heute der letzte Tag unseres Kroatienurlaubs angebrochen war. Was hatten wir nicht alles auf unserer Tour, entlang an der wunderschönen Küstenstraße bis nach Dubrovnik und sogar noch weiter bis nach Montenegro sowie beim Besuch der Krka Wasserfälle und der Plitvicer Seen erlebt. Aus einem geplanten normalen Motorradurlaub wurde ein regelrechter Abenteuerurlaub. Wir waren gespannt, ob die Eindrücke, die wir in den letzten Tagen gesammelt hatten, am heutigen Tag noch getoppt werden konnten. Doch ausgerechnet jetzt spielte das Wetter nicht ganz so mit. Bereits in der Nacht gingen heftige Regengüsse runter, die heute Morgen durch kräftige Windböen abgelöst wurden. „Fahren Sie bloß vorsichtig, unsere Winde sind nicht zu unterschätzen“ riet man uns beim Auschecken an der Hotelrezeption. Wer uns jedoch kennt, weiß, dass wir uns durch so etwas nicht so schnell entmutigen lassen. Draußen auf dem Parkplatz wartete bereits ungeduldig unser „bestes Stück im Stall“ darauf, dass es endlich losging.

Unter dem Velebit versteht man einen Gebirgszug an der Küstenregion Kroatiens, der irgendwann zu früher Zeit zum Naturpark erklärt wurde. Er ist rund 145 km lang. Sein höchster Gipfel ist der Vaganski Vrh mit 1.757 m. Der Velebit ist ein beliebtes Ziel für Wanderer, Bergkletterer und Höhlenforscher. Ein Gipfelwanderweg namens Premuziceva staza führt auf ca. 50 km Länge durch den nördlichen und mittleren Teil des Gebirgsmassivs. Gerade für Enduristen bietet das wilde Velebit jede Menge unberührte Natur und wird von den Motorradfahrern vom Schwierigkeitsgrad her unter „hoch“ eingestuft. Wir durften also gespannt sein, was uns auf unserer erneuten Tour durch die Berge Kroatiens heute noch so alles erwartet bzw. welche Überraschungen diese Tour noch für uns bereithält. Gerade das ist das Spannendste an den Motorradtouren, also packten wir es an.

Von Karlobag fuhren wir zunächst rund 9 km westlich bis nach Ledenik, bevor es rechts abging. Aus einer Anfangs schmalen aber asphaltierten Straße wurde kurze Zeit später ein unbefestigter, teilweise geschotterter Waldweg. Wir befanden uns nun auf dem berühmt berüchtigten Wanderweg. Anscheinend verirrte sich hier hin nur selten ein Motorrad, denn nur so konnten wir uns erklären, warum uns die entgegenkommende Wandergruppe ungläubig ansah. Immer tiefer drangen wir in die Gebirgskette ein. Die Gegend, die sich vor unseren Augen auftat, war einfach nur atemberaubend schön. Solche Felsformationen hatten wir bis dato noch nie gesehen und wir konnten unsere Blicke kaum von diesen lösen. Sollten wir aber, denn angesichts der Beschaffenheit des Weges sollte man besser aufpassen, wo man hinfährt. Es war zwar nicht so gefährlich wie unser Trip durch die Minenfelder des Sveti Roks, aber rechts ging es steil den Hang runter und links stand  man direkt vor der Felswand. Kurze Zeit später tat sich vor uns eine steinige Schlucht auf, die in zwei Felsdurchbrüchen endete. Schon lange trafen wir keine Menschenseele mehr an. Der Weg wurde immer unwegsamer und führte weiterhin  bergauf – noch lange war kein Ende in Sicht. Aber das war uns ehrlich gesagt auch egal, denn was wir hier an Landschaft geboten bekamen war einfach unbeschreiblich. Gerade in dem Moment, als wir einer der schönsten Passagen dieser Strecke filmen wollten, versagten unsere zwei Gopro Heros ihren Dienst. Thomas musste daher anhalten, die Akkus wechseln und die letzte Strecke nochmals zurückfahren. Aber was tut man nicht alles für eine schöne Aufnahme.

Unsere Weiterfahrt ins wilde Velebit entpuppte sich zudem als Hindernisfahrt, denn ab jetzt mussten wir ständig irgendwelchen Felsbrocken, die auf dem Weg lagen, ausweichen. Die Gegend, in die wir eintauchten, wurde immer bizarrer. Aus den Augenwickeln sahen wir rechts ein schweres, gelbes Baufahrzeug stehen, dem wir aber zunächst keinerlei Bedeutung zuwiesen.

Kurze Zeit später meinten wir etwas Weißes durch die Bäume schimmern zu sehen. „Sag mal“, fragte mich Thomas, „ist das etwa Schnee?“. Konnte eigentlich gar nicht sein, denn die letzten Tage hatten wir stets mit Temperaturen von 30 Grad und mehr zu kämpfen gehabt. Doch wir wurden eines Besseren belehrt – es war tatsächlich Schnee, denn je höher wir kamen umso mehr Schnee tauchte am Wegesrand auf.

Als wir kurz danach die Passhöhe (Kugina Kuca, 1180 m) erreichten und um die Ecke bogen, sahen wir dann die Bescherung: zwei große Schneehaufen versperrten uns die Weiterfahrt. Wir standen einmal ratlos davor und überlegten, wie wir diese unbeschadet überwinden könnten. Zunächst versuchten wir links vorbeizukommen. Mit unseren Stiefeln versuchten wir, den Schnee seitlich wegzutreten, denn wer hat denn schon einen Spaten dabei. Aber je mehr wir uns auch bemühten, der Schnee wurde und wurde einfach nicht weniger. So blieb uns nur noch die Möglichkeit, zu versuchen, die ADV mitten durch den Schneehaufen zu schieben. Anscheinend hatte jemand mit einem Geländefahrzeug oder einem anderen schweren Gefährt die gleiche Idee gehabt, denn nur so konnten wir uns die zwei Reifenspuren erklären. Eine Dose Red Bull, der ja bekanntlich Flügel verleiht, hatten wir natürlich auch nicht dabei. Wir suchten uns eine Reifenspur aus und versuchten durch gemeinsames Schieben und Drücken (Thomas vorne und ich hinten) unser Dickschiff über den Schneehaufen zu bringen. Dieses Vorhaben erwies sich jedoch als nicht so einfach. Links und rechts schleiften die Zylinder am Schneeberg vorbei und der  Motorunterfahrschutz erwies sich als weiteres Hindernis. Wie eine Schaufel bohrte er sich tief in den Schnee rein mit dem Ergebnis: wir steckten fest, obwohl wir das Fahrwerk bereits ganz hochgefahren hatten.  Bei dem Versuch, uns zu befreien, drehte das Hinterrad durch und ich wurde unfreiwillig einer Schneedusche ausgesetzt. In dem Moment, als wir feststeckten, schossen uns gleich mehrere Gedanken durch den Kopf. Man stelle sich vor, wir bekämen die ADV nicht mehr frei oder aber sie würde umkippen und wir bekämen sie nicht mehr hoch. Wer sollte uns denn dann in dieser verlassenen Zivilisation zur Hilfe eilen? Ich glaube, allein der Gedanken daran, half uns, über unsere Kräfte hinauszuwachsen und die Adventure aus ihrer momentan aussichtslosen Situation zu befreien und cm für cm über den Schneehaufen zu buxieren. Geschafft. Ein paar Minuten später nahmen wir uns dem zweiten Schneehaufen an. Gott sei Dank erwies sich dieser als nicht so hoch und wir konnten unsere Fahrt ohne weitere Hindernisse – so dachten wir jedenfalls – fortsetzen. Doch weit kamen wir nicht. Schon nach der nächsten Kurve war „Schicht im Schacht“.  Der komplette Weg war, soweit wir es erkennen konnten, unter einem riesigen Schneebrett verschwunden.  Von einer Weiterfahrt konnte hier jetzt keine Rede mehr sein. All unsere Anstrengungen waren umsonst gewesen.  Und nicht nur das. Zunächst mussten wir ja wieder über die gerade erst bezwungenen Schneehaufen zurück und außerdem gab es weit und breit keine andere Ausweichstrecke.  Denn alle Abzweigungen, die wir erblickten, waren genauso unpassierbar oder führten irgendwo ins Nirwana. Dem Risiko wollten wir uns dann doch nicht aussetzen. Es blieb uns daher nicht anderes übrig, als die bis dahin mühevoll erklommene  43 km lange Offroadpiste  wieder zurück fahren.

Eigentlich schade, denn so verpassten wir leider noch einige Highlights wie z.B. die ca. 1 km lange Ebene, auf der dutzende Steinstelen zu bewundern sind.  Fragt uns jetzt bloß nicht, was Steinstelen sind. Das sind, so viel wir wissen, irgendwelche Steinhaufen oder Hinkelsteine, die mitten in der Wildnis aufgestellt wurden oder einfach nur da rumstehen. Auch soll es zum Ende der Strecke noch wunderschöne Serpentinen bis nach Senje geben. Aber was soll man machen – manchmal macht einem die Natur einfach nur einen Strich durch die Rechnung. Erst auf der Rückfahrt nahmen wir dann wahr, dass es sich bei dem schweren, gelben, Baufahrzeug um einen Schneeschaufelbagger handelte. Den hätten wir eben glatt gebrauchen können, doch leider fehlten die Schlüssel.  

Noch ein letzter Halt auf dem Ostarijska Vrata (928), um die tolle Aussicht zu genießen. Allerdings herrschte bereits ein so kräftiger Wind, sodass wir uns nur mit Mühe an der Maschine festhalten konnten. Während der Fahrt, insbesondere in den Bergen, hatten wir davon nicht so viel gemerkt. Also wieder rauf auf’s Mopped. Die restlichen km folgten wir der Küstenstraße, vorbei an Rijeka mit seiner Altstadt und dem Hafen, bis zu unserer Pension in Lovran. 

Bei einem gemütlichen Abendessen ließen wir den heutigen Tag noch einmal Revue passieren. Dabei kamen wir zu dem Entschluss, dass diese Tour durch Kroatien eine der schönsten war, die wir bisher erlebt hatten. Uns war durchaus bewusst, dass wir noch lange nicht alles Sehenswertes, was Kroatien zu bieten hat, kennengelernt hatten – dafür war einfach die Zeit zu kurz gewesen. Wir werden auf jeden Fall wiederkommen. Insbesondere wollen wir die Tour durch’s wilde Velebit wiederholen, in der Hoffnung, dass uns dann kein Schnee mehr an einer Weiterfahrt hindert. So, das war’s von unserem Kroatienabenteuerurlaub, der nach 11 Tagen (incl. 4 Tage An- und Abfahrt) mit insgesamt rd. 4.900 km zu Ende ging.

Streckenführung (ohne Schneehindernisse) wildes Velebit: Länge ca. 240 km, Fahrzeit ohne Pausen: ca. 5-7 Stunden.

Karlobag-Ledenik-Velebit-Krasno-Raca-Senj-Mrkopalj-Delnice-Rijeka

 


2 Kommentare

Martina Pape · 11. Mai 2013 um 19:47

Das sind ganz tolle Bilder, aber auch die Strecke ist sehr schön.
So eine Offroad Tour würde ich auch gerne mal machen 😉
Ich fahre im Oktober dort hin 🙂

LG

Tina

Thomas Kuschel · 24. Mai 2018 um 19:58

Hallo, danke für eure tolle Anregung. Wir sind heute die Strecke mit einer alten R 100 GS und einer Varadero 125 gefahren – wirklich schön. Offroad ist jedoch etwas anderes wie Mont Jaberton, Jaffereau, ligurische Grenzkammstrasse oder Gräberpiste in Algerien (-:.

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