Abenteuer pur

Als wir morgens in unserem Hotelzimmer in Biograd aufwachten, ahnten wir bei weitem nicht, was uns der heutige Tag noch alles bringen würde. Nachdem wir ja gestern die Krka-Wasserfälle bewundern konnten, wollten wir heute den Plitvicer Seen einen Besuch abstatten. Die Seen und ihre Landschaft sind ja bekannt aus den zahlreichen Karl-May Filmen wie Winnetou.

Wenn wir aber gewusst hätten, was die Tour tatsächlich für Überraschungen für uns bereithalten würde, hätten wir das Frühstück etwas großzügiger ausfallen lassen. Nachdem wir also das Dickschiff  (R 1200 GS ADV) meines Mannes fix und fertig aufgesattelt hatten, ging es bei morgendlichen 24 Grad zunächst am Vrana See vorbei in Richtung Benkovac.  Dort hieß es links halten Richtung Donji Karin.

Die Straße wurde auf einmal immer schmaler und führte uns mitten durch scheinbar unberührte Natur. Immer weiter delegierte uns Lisa (unser Navi) über Krusevo nach Obrovac bis wir auf einmal die A 1 erspähten. Unsere Befürchtung, dass unser Navi irgendwas falsch verstanden hätte und uns zu den Plitvicer Seen über die Autobahn schicken würde, stellte sich jedoch als unbegründet heraus. Unser Weg führte über die Autobahn hinweg, die hier teilweise in einem Tunnel versteckt war. Als wir kurze Zeit danach um die Ecke bogen, trauten wir unseren Augen kaum: aus war es mit einem bis dahin befestigten Weg. Vor uns schlängelte sich ein mit losem Geröll überdeckter schmaler Weg den Berg hinauf. Rechts Felsen und links der Abhang ohne Leitplanken und sonstigen Sicherheiten. „Eigentlich stand erst morgen die Offroad-Einlage auf dem Programm“ meinte mein Mann, aber egal, wenn wir heute noch unser Ziel erreichen wollten, müssen wir da wohl oder übel durch.

Kurze Verschnaufpause und schon ging es weiter. Wird ja wohl hoffentlich nicht so die ganze Strecke sein, dachte ich mir. Von wegen – die Bezwingung der Schotterpiste hielt uns fast ganze drei Stunden in Beschlag.  Mein Mann hatte Mühe sein Dickschiff auf Balance zu halten – für ihn war es absolute Schwerstarbeit – schließlich war er mit Sozia (bin schließlich kein Fliegengewicht) und mit vollem Gepäck (Koffer, Topcase, Tankrucksack) unterwegs.

Bedingt durch das lose Geröll tänzelte die ADV förmlich über den Weg. Je steiler wir uns nach oben schraubten, umso schlimmer wurde es – mein Mann hatte wirklich alle Hände voll zu tun, sein Dickschiff in der Horizontalen zu halten.  Beim Anblick der unbefestigten und steilen Hänge zog sich bei mir regelrecht der Magen zusammen. Selten saß ich so ruhig und bewegungslos auf meinem „Logenplatz“.  Ab und zu streckte ich ganz vorsichtig die Hand mit dem Fotoapparat zur Seite und versuchte die Landschaft und ihre Sehenswürdigkeiten bildlich festzuhalten, denn von hier oben hatte man eine grandiose Aussicht auf die Landschaft. „Jetzt nur keinen Fehler machen“ dachte ich mir, sonst wäre es um uns geschehen. Denn bis auf einen Schäfer mit seiner Schafsherde samt Hirtenhund, kamen uns auf der ganzen Strecke insgesamt nur zwei Autos entgegen – selbst für die mussten wir anhalten, sonst wären sie nicht vorbeigekommen. Ansonsten waren wir hier oben mutterseelenallein. Was wir zum damaligen Zeitpunkt noch nicht wussten war, dass wir gerade im Begriff waren, den Sveti-Rok mit seinem 1045 m hohen Mali Alan zu erklimmen. Je höher wir kamen, umso unwegsamer und bizarrer wurde das Gelände mit seiner Felsenlandschaft. Entlang der steinigen Piste sah man auch noch das ein oder andere Gebäude mit Einschusslöchern. Zwischendurch legte mein Mann immer wieder einen kleinen Zwischenstopp ein – Erholung für Mensch und Motorrad. Allerdings sank bei jeder Naviansage („… der unbefestigten Straße noch …. Km folgen…“) unsere Hoffnung, jemals noch mal festen Boden unter die Räder zu bekommen. Ein Ende dieser Odyssee war noch lange nicht in Sicht. Die Schotterpiste zog sich immer höher den Berg hinauf. Als wir fast am Berggipfel ankamen, sahen wir auf einmal rechts und links der Strecke lauter rote Markierungsbänder. Hinter den Markierungsbänder konnte man darüber hinaus kleine Bodentrichter erkennen sowie kleine Fähnchen. Auf meine Frage, was das denn sei, meinte mein Schatz nur, hinter den Bändern beginnen die Minenfelder und die Fähnchen (internationales Kennzeichen)  markieren die Stellen, wo noch Minen unten drunter sind. Kaum hatte er mir das erklärt, kam auch schon ein „Achtung-Minen-Schild“ in Sichtweite. Na toll, dachte ich mir, das kann ja heiter werden. Wenn uns hier was passiert, findet uns kein Mensch. Meine Befürchtungen wurden noch untermauert, als immer mehr Kerzen mit Bildern und später sogar noch Gräber entlang der Strecke zu sehen waren. Uns wurde das Ganze immer unheimlicher. Umso größer war dann die Erleichterung, als wir endlich den Gipfel des Berges bezwungen hatten und  es über einen kleinen Waldweg wieder abwärts ging, der letztendlich auf einem befestigten Weg endete. Ich möchte nicht wissen, wie viele Kilos wir die letzten Stunden verloren hatten. Aber diese Schotterstrecke war einer der schönsten, die wir bisher kennen gelernt haben. Allerdings ist sie nicht für Anfänger geeignet und wenn möglich, sollte man sie auch alleine ohne Gepäck und mit der richtigen Bereifung bewältigen.

Noch benommen von den Eindrücken, die wir auf unserer Offroad-Odyssee gewonnen hatten, setzten wir unsere Tour zu den Plitvicer Seen fort. Unser Navi ließ es sich dabei jedoch nicht nehmen, den einen oder anderen Weg abzukürzen. Anscheinend hatte ihm die Offroadstrecke Spaß gemacht und meinte, wir bräuchten mehr davon.

Da die Sonne bereits hoch am Himmel brannte, beschlossen wir bei Korenica eine Kleinigkeit zu uns zu nehmen.  Eine Kleinigkeit war es tatsächlich im sprichwörtlichen Sinne, denn  die Portionen waren im Verhältnis zum Preis nicht gerade groß und unter einem Hamburger hatten wir uns,  ehrlich gesagt,  was anderes vorgestellt.   So einiger Maßen gesättigt, schwangen wir uns wieder auf unser Dickschiff und kurvten den Plitvicer Seen entgegen.  Auf dem Weg dorthin tauchten auf einmal die ersten Hinweisschilder „Achtung Bären“ auf. So angestrengt wir auch Ausschau hielten, gesehen haben wir aber leider keinen – nur ein Hotel, das auf den Namen „Winnetou“ lautete, ließ erahnen, dass wir uns langsam unserem gewünschten Ziel näherten.  Eine Stunde später war es dann soweit: vor unserem Windschild tauchten sie auf – die berühmt-berüchtigten Plitvicer Seen. Kurzerhand einen Parkplatz gesucht (ist für die Motorräder kostenlos), die Eintrittskarten geholt, und schon begaben wir uns auf Erkundungstour. Da wir ja in voller Motorradkluft unterwegs waren (allerdings Helme und Jacken befanden sich gut gesichert am Dickschiff) zogen wir es vor, nur den kleinen Rundweg von rd. 3 Std. in Angriff zu nehmen – es war schließlich schon warm genug (33 Grad im Schatten).  Kurz mal etwas Wissenswertes zu den Plitvicer Seen:

Der Nationalpark der Plitvicer Seen ist mit einer Fläche von knapp 300 km² der größte unter den acht Nationalparks Kroatiens. Das Gebiet der Plitvicer Seen liegt auf halbem Wege zwischen der Hauptstadt Zagreb und der Adriaküste und wurde 1949 zum Nationalpark erklärt. Die Plitvicer Seen sind damit der älteste Nationalpark Kroatiens, der 1979 in das Verzeichnis des Weltnaturerbes der UNESCO aufgenommen wurde. Plitvice steht für ein einzigartiges Naturphänomen im Karst, denn nur durch die Übersättigung des Wassers mit Kalziumkarbonat und der Tatsache, dass das Wasser keinerlei organischer Substanzen enthält, kann sich die Rauwacke oder Travertin bilden, eine lebende poröse Gesteinsart, die letztendlich für die Entstehung der Barrieren zwischen den einzelnen Seen verantwortlich ist. Der Prozess der Travertinbildung ist gerade an Wasserfällen und Kaskaden, also an den Überläufen von einem See in den anderen besonders stark ausgeprägt. Dabei handelt es sich um einen kontinuierlichen Prozess, der unablässig weiterläuft und so das Bild des Parks ständig verändert. Das bedeutet, dass zum einen Wasserfälle verschwinden und an einer anderen Stelle wieder neu entstehen können.

Nun aber zurück zu unserer Tour. Der Besuch der Plitvicer Seen hat viel Spaß gemacht und ist ein Muss für jeden Kroatienbesucher. Uns persönlich haben allerdings die Krka Wasserfälle besser gefallen.

Nachdem wir also unserem Streckenmarathon um einen Teil der Plitvicer Seen beendet hatten, hieß es dann zurück zum Motorrad und Weiterfahrt nach Karlobag. Von Plitvicka Jezera ging es zunächst einmal wieder zurück nach Korenica und dann über den 980 m hohen hinter Bunic gelegenen Ljubovo nach Gospic. Bevor wir jedoch Karlobag an der Küste erreichten, mussten wir erst noch den Ostarijska Vrate (928 m) überwinden, von dem wir eine fantastische Aussicht auf die Küste hatten. Leider ging auch dieser wundervolle Tag mal zu Ende und wir fielen nach dem guten Essen erschöpft und müde in unser Bett und träumten von unser nächsten Offroadtour, die schon morgen auf dem Programm stand – der Besuch des wilden Velebit.

Streckenführung: Biograd-Vrana-Miranje-Benkovac-Donji Karin-Vrulja-Obrovac-Jasenice-Mali Alan-Sveti Rok-Lovinac-Gorna Ploca-Kurjak-Krabava-Korenica-Vratnik-Prijeboy-Plitvicka Jezera-Kornenica-Bunic-Vukava-Gospic-Brusane-Baske Ostarije-Karlobag.

Gesamtkilometer: rd. 200 km, Fahrzeit: ganzer Tag


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